Haut aktuell
Interview mit Herrn Dr. Senger anlässlich der 1. Deutschen Hautkrebswoche
GA: Sehr geehrter Herr Dr. Senger, die 1. Deutsche Hautkrebswoche hat ein sehr großes Medienecho gefunden, woran liegt das?
Dr. Senger: Der Berufsverband der Deutschen Dermatologen hat gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Prävention und der Deutschen Krebshilfe ein Projekt ins Leben gerufen, um Schüler der 6. bis 10. Klasse zum Thema Sonnenschutz und Hautkrebsvorsorge zu informieren. Ich persönlich hatte Gelegenheit in einem Vortrag an der Oswald-von-Nell-Breuning-Schule in Rödermark, Schüler über dieses Thema zu informieren.
GA: Was ist der Grund, dass Hautärzte so aktiv werden und sogar in die Schulen gehen, um auf die Hautkrebsvorsorge aufmerksam zu machen?
Dr. Senger: Es ist für uns Hautärzte eine alarmierende Situation eingetreten. Sowohl der schwarze als auch der helle Hautkrebs sind seit den 70-er Jahren um 400 ? 600 % angestiegen. Im genannten Zeitraum kam es hingegen nur zu einer Zunahme von durchschnittlich 40% aller anderen Krebsarten.
Aktuelle Statistiken aus Rheinland-Pfalz zeigen, dass sich von 1998 ? 2002 beide Hautkrebsarten verdoppelt haben. Hautkrebs ist eine Diagnose, die ich in letzter Zeit fast jeden Tag in meiner Praxis stellen muss.
GA: Das ist in der Tat sehr Besorgnis erregend. Welche Möglichkeiten sehen Sie hier besser aufzuklären?
Dr. Senger: Als Hautärzte sind wir gefordert auf die Risiken, die zu dieser dramatischen Erhöhung der Hautkrebszahlen geführt haben, hinzuweisen. In erster Linie ist es das Verhalten in der Sonne, dass zu einer sehr starken UV-Belastung führt.
GA: Heißt das nicht, Eulen nach Athen zu tragen? Die meisten Sonnenanbeter sind sich doch des Risikos bewusst?
Dr. Senger: Ganz und gar nicht, im Gegenteil! In meinem Urlaub in der Türkei sprach ich einen deutschen Tauchlehrer an, welches Sonnenschutzmittel er denn persönlich für sich nimmt? Er antwortete mir sehr überraschend: "Gar keins, das muss sich erst mal richtig einbrennen". Wenn man sich am Strand oder am Pool umschaute, waren durchaus einige Gäste mit geröteter Haut erkennbar, die offensichtlich keinen ausreichenden Lichtschutz betrieben hatten.
GA: Welchen Sonnenschutz empfehlen Sie als Hautarzt?
Dr. Senger: Ich könnte jetzt sagen, nehmen Sie irgendetwas mit Faktor 25 oder 30. Doch reicht diese Empfehlung nicht aus. Das haben Hautärzte, Apotheker und Drogisten bisher auch getan, vielleicht auch mit weniger hohen Lichtschutzfaktoren. Es ist jetzt eine Situation eingetreten, die trotz jahrzehntelanger Warnungen von Hautärzten nicht verhindert werden konnte. Wir müssen unsere Patienten, die Sonnenanbeter, aber auch diejenigen ansprechen, die meinen, dass sie auch ohne Lichtschutzmittel auskommen können.
GA: Welche meinen Sie genau?
Dr. Senger: Es gibt z.B. die Sonnenanbeter, das sind Menschen, die braun werden wollen, für die das Sonnenbaden ein besonderer Kick ist, und die sich stundenlang in der Sonne oder im Schatten aufhalten. Wenn man überlegt, dass die Haut überhaupt nicht dafür geeignet ist, wird klar, dass Schädigungen die Folge sind.
GA: Aber Lichtschutzmittel, sofern sie rechtzeitig und richtig angewandt werden, schützen, oder etwa nicht?
Dr. Senger: Lichtschutzmittel haben die Funktion Sonnenbrand zu verhindern. Dafür sind sie entwickelt worden. Sie schützen nicht vor dem Entstehen von Hautkrebs, vor Faltenbildung oder vor lichtbedingten Äderchen an Hals oder Gesicht. Außerdem wissen wir aus der wissenschaftlichen Forschung, dass die Haut bereits vor Eintreten des Sonnenbrandes dauerhaft geschädigt werden kann.
GA: Können Sie das vielleicht an einem Beispiel erläutern?
Dr. Senger: Hautärzte unterscheiden im Wesentlichen 4 Hautpigmenttypen. 1 bedeutet sehr helle Haut, keine und nur sehr geringe Bräunung, 4 bedeutet dunkle Haut und gute Bräunung. Vereinfacht gesagt bekommt ein Mensch mit Hauttyp 1 ungeschützt und ungebräunt bereits nach 10 Minuten Sommersonne einen Sonnenbrand, während ein Mensch mit Hauttyp 4 ca. 40 Minuten benötigt. Die meisten Deutschen liegen zwischen Hauttyp 2 und 3, d. h. sie bekommen nach 20 ? 30 Minuten einen Sonnenbrand.
Gehen wir nun einmal von einem Menschen aus, der zwischen Hauttyp 2 und 3 liegt und bei 24 Minuten einen Sonnenbrand bekommen würde. Im ersten Drittel dieser Zeitspanne, also innerhalb der ersten 8 Minuten, ist die Sonne sehr gesund und willkommen. Hier wird durch die UVB-Strahlung Vitamin D in der Haut gebildet, ein Vitamin, das für den Knochenstoffwechsel äußerst wichtig ist.
Im mittleren Drittel wird die Kernsäure der Mutterzelle der Oberhaut bereits geschädigt, sie kann sich aber durch ein eigenes Reparatursystem wieder erholen. Im letzten Drittel, in unserem Beispiel von der 17. bis zur 24. Minute, kann die Haut sich nicht mehr reparieren. Jetzt entsteht ein Dauerschaden. Kommt das einmalig vor, ist es noch nicht bedenklich. Doch, ähnlich wie bei einem Seil, wenn immer wieder Fasern reißen, reißt irgendwann das ganze Seil ? die Folge ist Hautkrebs.
GA: Welche Konsequenzen hat das für den Lichtschutz?
Dr. Senger: Lichtschutz bedeutet nicht nur Schutz mit Lichtschutzmitteln. Nach der ABC-Lichtschutzregel steht "A" für Ausweichen. Das bedeutet, dass die Sonne, oder besser gesagt, die UV-Strahlung, die ja auch im Schatten mit bis zu 50% noch auftreten kann, zu meiden ist. Also Rückzug in den Kernschatten oder geschlossene Räume, der Bereich, in dem auch keine Streustrahlung eindringen kann. "B" steht für Bekleiden, Bedecken, Behüten und Sonnen-Brille. Es ist klar, dass durch Kleidung weniger UV-Licht eindringen kann, je dunkler und dichter sie ist. Ein Sonnenhut schützt das Gesicht, die Sonnenbrille das empfindliche Auge. Die Kleidung sollte so vollständig wie möglich sein. Wer in Australien mal Badeurlaub gemacht hat, weiß, dass man dort auch mit der Kleidung ins Wasser geht. Das "C" steht für Cremen. Wenn wir, wie in dem genannten Beispiel, einen Lichtschutzfaktor von 20 verwenden, liegt die Zeit für den sicheren Lichtschutz bei 8 x 20 = 160 Minuten. Das ist nicht lang, wenn man bedenkt, dass Freizeitaktivitäten im Sommer sich doch über den ganzen Tag hinziehen können.
GA: Heißt das, das jahrelang zu gering wirksame Lichtschutzmittel Verwendung fanden.
Dr. Senger: Davon ist auszugehen. Die meisten Menschen haben Lichtschutzmittel bisher unterdosiert. Dadurch wird auch erklärbar, dass sehr oft die kritische Zeitspanne, die zu einer Begünstigung von Hautkrebs führt, überschritten wurde.
GA: Was können Sie unseren Lesern raten, wenn sie möglicherweise dieser Risikogruppe angehören?
Dr. Senger: Die beste Aufklärung liegt im persönlichen Gespräch. Ich stelle immer wieder im Rahmen der Hautkrebsvorsorge-Untersuchungen fest, dass die Patienten die neue Botschaft verstehen. Ob sie sich auch daran halten ist eine andere Frage. Aber, es ist wie mit anderen Genussmitteln auch, zuviel ist ungesund. Wer einmal einen Hautkrebs hatte, ist sowieso gewarnt. Insofern ist die Hautkrebsvorsorge eine Art Lebensversicherung für Menschen, die diese Untersuchung in Anspruch nehmen. Sie lernen auch wie Hautkrebs entsteht, wie er aussieht und wie man ihn vermeiden kann.
Viel schwieriger ist es die insbesondere auch jungen Menschen zu erreichen, die erst mit dem Sonnenbaden beginnen.
GA: Insofern hat die Aktion "Fit for Sun" sich jetzt an die jungen Menschen gewandt, um hier aufzuklären?
Dr. Senger: Genau, so ist es. Wir müssen da anfangen, wo noch keine Aufklärung stattgefunden hat. Meines Erachtens gehört diese Thematik auf den Lehrplan. Schließlich ist jeder Schüler, aber auch jeder Lehrer mit diesem Thema konfrontiert. Schulsport findet im Sommer auch im Freien statt.
GA: Noch eine persönliche Frage. Wie hält es der Hautarzt mit der Sonne?
Dr. Senger: Ich genieße die Sonne natürlich auch. Ob beim Joggen, Mountainbiken oder auch am Strand: Ich nehme ein Lichtschutzmittel mit Faktor 16 für Lippen und 25 bzw. 50 je nach Sonnenstand für den Körper. Sonnenbaden mache ich wenn, nur wenige Minuten, oft trage ich T-Shirt und Bermuda-Shorts.
GA: Herr Dr. Senger, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Weitere Beiträge von Dr. Erik Senger, Hautarzt in Rödermark, finden Sie unter "Wenn's um die Haut geht"
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